Akiba

Rabbi Akiba, ein Weiser in Israel, wurde nach jüdischer Überlieferung im Jahr 0 der christlichen Zeitrechnung geboren. Seine Lebenszeit wird mit 120 Jahren angegeben. Die ersten vierzig Jahre war er ein armer Hirte, der weder lesen noch schreiben konnte.

Akiba hat eine Tochter, die er sehr liebt, denn es ist seine einzige. Die Tochter soll bald heiraten. Ein Freund Akibas, ein Babylonier, sagt ihm: "Der Tag, an dem die Hochzeit sein soll, ist der Todestag deiner Tochter. Ich habe es aus ihrem Horoskop gesehen. An diesem Tag wird sie von einer Schlange gebissen und stirbt." Akiba lässt sich das Horoskop zeigen und sieht: Alles ist vollkommen richtig berechnet, es stimmt, es ist so. Dennoch sagt er: "Heiraten ist etwas im Leben Entscheidendes, denn es bedeutet ein Verbinden des Erscheinenden, des Äußeren, mit dem Verborgenen, dem Inneren. der Sinn des Lebens ist, dass der Mensch diese beiden Seiten verbindet, dass er also heiratet". Mit Heiraten ist hier natürlich kein bürgerlicher Akt gemeint, sondern ein Zusammenkommen einer Dualität, ein Zusammenkommen von Erscheinendem und Verborgenem, damit die Frucht sein kann. "Also" sagt Akiba "ich werde aber alle Vorkehrungen treffen, dass eine Schlange nicht in die Nähe meiner gelibten Tochter gelangen kann". Man durchsucht dann die Umgebung und das Haus, überall werden Wachen aufgestellt, und am Hochzeitstag ist man sicher, dass keine Schlange mehr da ist.

Die Tochter, die von nichts weiß, sitzt als gefeierte Braut am Tisch und alle großen Weisen kommen zu Besuch. Während sich die Dienerschaft ganz um die hohen Gäste kümmert, sieht die Braut plötzlich einen Bettler scheu am Eingang stehen. Niemand kümmert sich um ihn. Da steht sie unbemerkt auf, geht zu ihm hin und nimmt ihm den Mantel ab. Der Brauch ist, dass am Eingang ein Köcher hängt mit Pfeilen und die Lehmwand dort eine weiche Stelle hat, wo man den Pfeil hineinstecken kann. Die Tochter Akibas nimmt also einen Pfeil, bohrt ihn in die Wand und hängt den Mantel des Bettlers daran. Dann geht sie zurück an ihren Platz und sorgt dafür, dass der neue Gast bewirtet wird. Das geschieht alles im festlichen Gewühl, von den andern nicht wahrgenommen..

Der Tag geht vorbei, ohne dass die Vorhersage des Babyloniers eingetroffen wäre. Akiba eröffnet nun der Braut, was in ihrem Horoskop zu lesen war, und fragt sie, was im einzelnen sie an diesem Hochzeitstag getan habe. Sie kann sich an nichts besonderes erinnern; da fällt ihr die Episode mit dem Bettler ein. "Wo war es?" fragt Akiba, "wo hast du den Mantel hingehängt?". Sie erinnert sich, dass es der letzte Pfeil in der Reihe war. Man zieht ihn heraus: Seine Spitze hat eine Schlange durchbohrt.

Diese Schlange, heißt es, war seit Anbeginn dazu bestimmt, die Tochter Akibas an diesem Tag, an ihrem Hochzeitstag, zu beißen, und ihr Biss sollte tödlich sein. Ihre Tat aber - sie tat etwas, was ganz herausfiel aus dem, was die Menschen damals als ihre Regeln und die Norm ansahen, ihr unerwartet freies Handeln hat sie also vor dem Tod bewahrt.

 

Erzählt von Friedrich Weinreb