ALANUS HOCHSCHULE DER KÜNSTE


Es war das Jahr 1973. Ich wollte ausbrechen aus der  "schweizerischen" Art der Kunstauffassung, so wie ich sie damals sah.... also, mit anderen Worten: Ich wollte ausbrechen aus den mir selbst geschaffenen Grenzen. Mit direkten Worten:

           

                                      ICH WOLLTE AUFBRECHEN ZU MIR SELBST!

 

Schon länger befasste ich mich während des Studiums zum Zeichenlehrer mit Goethes Farbenlehre: Ich schlüpfte in den unterirdischen Leseraum der "Pflegestätte für musische Künste" am Nydeggstalden in Bern und studierte das Werk des Malers Julius Hebing: "Welt, Farbe, Mensch", las es, machte die Experimente und malte die Übungen...

 

Als einer der Hauptlehrer an der Kunstschule, Hans Schwarzenbach, das vernahm und sah, dass ich nicht in die von ihm zusätzlich angebotenen Kurse in "gegenständlichem Zeichnen" erschien,  machte er mich vor allen andern Studenten lächerlich und meinte, man sähe mir an, dass ich mich mit Anthroposophie beschäftige, denn ich sei ja äusserst bleich...

 

Er meinte: " Die Anthroposophen können nicht zeichnen und malen, alles was sie zustande bringen sind ursubjektive Seelengörbse." ( manchmal waren es Seelenfürze)

 

Mein letztes "Werk" im gegenständlichen Zeichnen war sinnigerweise ein "Apfel", der auch beim Herausschmiss aus dem Paradies eine Rolle gespielt hat...  ( Die Ethymologie des Wortes: Apfel = Ab-fall ). Mein Erlebnis damals: Ich male nur die äussere Oberfläche des Apfels, kann jedoch sein eigentliches Wesen, damit nicht erfassen. Meine Sehnsucht war, tiefer in das Wesen der Dinge einzudringen....

 

Zwischenbemerkung:

  • Goethe war auf Grund seiner Farbenlehre mit Isaac Newton im Streit. Heute hat die moderne Wissensschaft Goethe in vielen Punkten recht gegeben! (Link) Newton soll die Entdeckung Gravitationskraft, die die gesamte neuere Naturwissenschaft geprägt hat, dadurch gelungen sein, dass ihm, unter einem Apfelbaum liegend, ein reifer Apfel auf den Kopf gefallen sei. Seine Frage lautete: "Wie kommt es, dass dieser Apfel in einer geraden, senkrechten Linie herunterfällt?" Goethe hat dieses Ereignis im Streit mit Newton aufgegriffen und verkündete sinngemäss: "Wenn Newton sich bei dieser Gelegenheit gefragt hätte, wie denn der Apfel überhaupt erst auf den Baum hochgekommen sei, dann hätten wir eine Wissenschaft des Lebendigen, eine Wissenschaft der 'Leichte' und nicht der 'Schwere'."


Dieses "Mobbing" von höherer Warte führte dazu, dass ich mich noch intensiver mit der anthroposophisch inspirierten Kunst beschäftigen wollte. Mein Antrag für ein Auslandssemester an einer entsprechenden Kunsthochschule wurde genehmigt und so setzte ich mich kurzerhand ans Steuer des VW-Käfers meiner Mutter und fuhr ca. 2000 km nach Ottersberg bei Bremen zur "Hochschule für Künste im Sozialen" gegründet und geleitet von Siegfried Pütz. (link) und Rose Maria Pütz-Nelsen (link)

 

Dort angekommen, freute ich mich, die Schule von innen sehen zu dürfen. Ich meldete mich beim "Chef". Dieser verrührte die Hände, als er mein Anliegen hörte: "Mein lieber Schweizer, Sie hätten sich anmelden sollen, ich habe in den nächsten 14 Tagen gar keinen Termin mehr frei!" Paff!! "Sie dürfen jedoch gerne in die Räume und den Studenten beim Arbeiten zuschauen."

 

Ich ging hinein und sah, wie alle konzentriert beschäftigt waren. Der kleine Schweizer interessierte niemanden, sie sahen kaum auf, wenn ich ihnen frech über die Schultern guckte. Immer wieder war mein Gedanke: "Das kann ich auch, da brauche ich keine Schule!" Nach einer für mich kleinen Ewigkeit erbarmte sich eine Studentin und führte mich etwas herum.

 

>Link: Hier sieht man, dass aus dieser Schule etwas Grosses und Lebensfähiges sich entwickelt hat!

 

Enttäuscht stieg ich in den Käfer und nahm augenblicklich Kurs auf Basel. Ich wusste, in Alfter bei Bonn gab es eine ähnliche Schule, doch zweifelte ich, ob ein Besuch sich lohnen würde.

 

Erst als bei der Autobahnausfahrt nach Bonn eine unsichtbare Macht das Steuer des Käfers nach rechts riss, fing ein unerwartetes Kribbeln im Bauch sich an zu regen: Was erwartete mich hier?

 

So ungefähr sah das Tor aus, das in den alten Bauernhof führte, aus dem pionierhaft eine neue Kunsthochschule entstehen sollte, in der die Studenten im Laufe ihres Studiums neben ihrem Hauptfach jeweils in die Qualität der andern 6 Künste eintauchen sollten. Sie wurde nach dem Mönch  "Alanus ab Insulis" benannt, dessen Schriften sich eingehend mit den klassischen 7 Künsten befassten.



Ein überaus herzlicher Empfang


Als ich klopfenden Herzens durch dieses Tor in den geräumigen Innenhof  trat, hörte ich einen fröhlichen Lärm. Es waren Studenten, die sich um einen langen Holztisch zum Mittagessen versammelt hatten. Alle Blicke waren neugierig auf mich gerichtet, ich wurde zum Tisch gerufen, herzlich begrüsst und zum Essen eingeladen. Erst beim Essen sah ich, dass alle zum Teil sehr verschmutzte Baukleider trugen. Nach dem Essen wurde ich gefragt, ob ich mithelfen könnte , den Schweinestall auszumisten, denn dort sollte die neue Mensa gebaut werden.

 

So  sah der Innenhof vor dem Umbau ungefähr aus ( Ein ähnlicher Hof) :



Zuhause ist dort, wo mein Herz "ja" sagt. Dieser Ort sollte mein nächstes Zuhause werden. Ich wurde Pionier und arbeitete als Bauarbeiter, als Koch und als Student der Künste.

 

Nach einer enttäuschten Liebe in der Schweiz, war eine sehr wichtige Grundhaltung folgende: "Ich werde nur arbeiten und Kunst machen! Es gibt keine Frauengeschichten!"

 

Meine Scheuklappen hinderten mich drei Monate lang , Kirsten, meine zukünftige Frau, zu bemerken und mit ihr in Kontakt zu treten. >Hier geht es weiter zur Romanze.


Meine Mitstudenten:



Hoch-zeit meines Lebens


Wir waren damals ca.30 Studierende. Es war eine echte Pionierzeit mit vielen Abenteuern und Erkenntnissen. Für mich eine Art Hoch-zeit! Heute studieren über 1500 StudentInnen an der tollen Schule !!

 

"WAS FRUCHTBAR IST ALLEIN IST WAHR" J.W.Goethe

 

> Hier geht es zur Webseite der Alanus Hochschule



Meine künstlerischen Entdeckungen


  1. Die erste Aufgabe in der Bildhauerei war aus Ton ein Ei zu gestalten. Ich war sehr fleissig und habe Stunden verbracht, die ideale Eiform hinzubekommen... 

 

Plötzlich erschrak ich und staunte zugleich: Wenn ich die ideale Form erreichte, konnte ich den Ton so verstreichen, dass er zu gänzen anfing! 

 

Am Ende hatte ich ein Form, die niemand als rauen Ton erkannte.... alle dachten, es sei eine Art Marmor!



 

Unser Bildhauermeister Heinz Georg Häusler erklärte uns, dass das Ei ein Symbol sei für das Wesen der Bildhauerei. Er wies darauf hin, dass der Leichte Teil des Eis (Spitze) durch seine Form in die Schwere zeige und umgekehrt der Schwere Teil in die Leichte gehoben sei. Genau das mache der Künstler mit der Materie: Die künstlerische Form hebt das materiell Schwere ins Licht, in die Leichte!


  1. Die zweite Aufgabe hiess: "Welche Form möchte aus dem 'Ei' schlüpfen ? Gestalte sie in Holz!"

Bei mir entstand aus dem Ei das "Zw-ei" :