Meine Lehrer in Alanus


Dr. J.W. Ernst


Johann Wolfgang Ernst

 

J.W. Ernst,  J-etzt W-irds ernst! So meine Empfindung in den vielen Begegnungen mit ihm. Sei es beim Üben von Gedichten und dramatischen Szenen oder wenn es um Geschichte und insbesondere um die  Geschichte der anthroposophischen Bewegung ging, immer war ich sehr betroffen. Seine Thesen und Ansichten waren für mich oft überraschend, ja schockierend und weckend.

 

Wir begegneten uns zum ersten Mal in der Alanusschule, dann übend in Meiringen bei meinem Lehrer Andreas Würgler.

 

Er wurde der Pate von unserem Erstgeborenen Arvild Johannes.


Die erste Begegnung


Die Epochen an der Alanus Schule fanden in der Mensa statt, die bei meinem ersten Besuch noch ein Schweinestall war, den ich damals ausmisten durfte.

 

Es gab viele interessante Dinge zu hören und ich habe seitenweise Notizen davon gemacht. 

 

Die Ankündigung der neuen Epoche Metrik Poetik Ästhetik hat mich nicht besonders beeindruckt die Worte waren mir einigermaßen fremd. Der Dozent Dr. J. W. Ernst sei direkt aus Sizilien angereist, wo er seine Frau bis zu ihrem Tode gepflegt hätte. Dr. Ernst fiel mir auf, durch seine etwas ärmliche Kleidung, seinem Essfleck auf dem roten Pullover und seiner warmen volle Stimme.

 

Es war die erste Epoche nach den Ferien und ich hatte von Meiringen einen Haslikuchen mitgebracht.  Der Haselnusskuchen aus dem Haslital ist ein Markenzeichen der Gegend und mit einem wunderschönen weißen Adler aus Puderzucker verziert.



 

Diesen Kuchen servierte ich  in der Pause zum Tee.  Sobald er auf den Tisch kam, hörte ich den erstaunten Ausruf von Dr. Ernst: "Sitzt da jemand aus Meiringen am Tisch? "

 

Als ich mich vorstellte, erzählte er, dass er mit seiner Frau viele Jahre in Meiningen in den Sommerferien gewesen sei und, da seine Frau Medikamente brauchte, er meinen Vater und die Apotheke sehr gut kannte.

 

Ich erfuhr weiter, dass sie bei meinem ehemaligen Geschichtslehrer Andreas Würgler zu Gast gewesen seien  und dort sprachlich und philosophisch zusammen gearbeitet hätten.

 

Nun war ich doppelt gespannt, was Dr. Ernst uns Studentinnen und Studenten beizubringen hätte. Was nun folgte übertraf alle meine Vorstellungen und unbewussten Erwartungen.

 

Dr.  Ernst erzählte uns von Griechenland, wo die Poesie und ihre Rezitatoren, so wie das Theater etwa den gleichen Stellenwert hatten wie heute der Fußball (!) und dass ein einzelner Rezitator es vermochte, ganze Stadien zu fühlen. Plato beschreibt, wie ganz Athen, auch die Sklaven,  also circa 30.000 Menschen ins Stadion gepilgert seien,um die Geschichte von Odysseus zu hören. Plato erzählt in seinem "Ion", dass die Macht der Sprache in Griechenland so groß gewesen sei, dass sie vermochte, die Menschen in ihrem tiefsten Wesen zu ergreifen und ihnen die Haare zu Berge stehen und die Tränen fließen lassen konnte. 

 

Die Art und Weise wie dieser Dozent erzählte, erinnerte der mich an die eindrücklichen Geschichtsstunden mit meinem geschätzten Lehrer Andreas Würgler, der uns Geschichte auf eine wirklich spannende Art vermittelte, indem er die Szenen der Weltgeschehnisse sprachlich und mit eindrücklicher Gestik so darstellte , dass in uns Schüler oft der Schauder aufkam.

 

Es kam noch besser: " Es bringt nicht viel", sagte Doktor Ernst, "wenn man über die Sprache und ihre Wirkung spricht, mehr bringt es, wenn wir nun zusammen direkt in die Macht der Poesie eintauchen ."

 

"Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang und ihre vorgeschriebene Reise vollendet Sie mit Donnergang."

 

So fing unsere Reise ins Reich der bewegten Seelenbilder an. Es ist der Anfang von Goethes Faust.

 

Meine Seele wurde von dieser Rezitation buchstäblich mitgerissen. Die Wogen der Sprache trugen mich in andere Welten: ich erlebte die Wirbel und Strudel der Meere, kosmische Abgründe und die Schöpferkräfte. ... Dann erschien der Teufel persönlich und Gott verstrickte sich mit ihm in ein spannendes Gespräch über den Menschen und  Faust.  Als dieser sich schließlich der  Magie ergeben hatte, wurde er vom mächtigen Erdgeist brutal wieder auf seine Füße gestellt, so, dass er in seiner Verzweiflung einen Selbstmordversuch unternahm. Er wurde durch die Engelsstimmen, die er in den Osterglocken vernehmen konnte gerettet!

 

Für mich war die anschließende Stille wie die Landung eines Schiffes am sicheren Ufer nach einer stürmischen Nacht. Ich wusste: "Das ist es, das will ich können!" So tönte es in meinem Herzen.

 

Von nun an wusste ich: Rezitieren ist nicht "Gedichte aufsagen" !Re-zitieren ist  ziteren. Der wahre Rezitator zitiert die Wesen und Mächte der Vergangenheit ins Hier und Jetzt! So hatte ich es plastisch erlebt!

 

Dieses starke Erlebnis war die Quelle für meiner lebenslangen Begeisterung für Sprache, Theater und Eurythmie.


Wilfried Ogilvie


Ogilvie war mein Mallehrer. Hier ist er 83 Jahre alt. Heute ist er 89 Jahre, so er noch lebt. Damals war er 44. Er malte viele Altarbilder.

 

Er war eine aristokratische Erscheinung, sehr gepflegt und seine Frau hiess Haskia. Sie war sehr temperamentvoll und  eine wunderbare Pianistin.

 

Ogilvie kam nur spärlich bei mir vorbei und gab auch nur spärliche Anweisungen. Das tat bei andern Studierenden auch. Ich interpretierte damals: " Er will die Individualität respektieren.



Ogilvie hatte einen Lieblingsschüler in  meinem Kurs. Udo Zembock. Dieser durfte in der Glaswerkstatt an den Glasfensterkreationen des Meisters arbeiten. Aus ihm ist ein berühmter Glaskünstler geworden!

 

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Heinz Georg Häussler


Bildhauer