Sammelsurium aus meinen Tagebüchern


Vom Sein zum Bewusst-sein


Mit 29 Jahren, am 15. Juli 1978 schrieb ich einen Brief an Rolf Dettmar, einen lieben Nachbarn und Kunstmaler in Meiringen. Vom Brief habe ich einzelne Punkte in mein Tagebuch abgeschrieben, die ich hier widergebe. Ich kann nicht umhin, beim Abschreiben, meine momentanen Einsichten, 40 Jahre später, einzuflechten. Die „neuen“ Gedanken sind in blauer Schrift geschrieben:

 

Die Kreativität der Natur hat ihren Höhepunkt überschritten. Meines Wissens schafft sie keine neuen Wesen mehr. Nachdem sie sich in der Reproduktion weisheitsvoll eingerichtet hat, scheint es so, dass sie erschöpft ist. Viele Arten sterben aus. Vielleicht ist gar der Mensch und seine Art mit der Natur umzugehen verantwortlich für ihren Zustand.

 

Der Mensch sei die Krone der Schöpfung, so war lange die herrschende Meinung und so steht es in der Bibel. … Sehr königlich hat er sich gegenüber der Natur nicht verhalten, er war und ist eher ein egoistischer Tyrann, der seine Intelligenz dazu verwendet, die Natur nach Strich und Faden auszubeuten! Die effektivste Ausbeutung herrscht in der Weltgegend, in der sich das Christentum ausgebreitet hat.

 

Ein wesentlicher Schritt zum wahren Königtum, wäre in meinen Augen, dass wir Menschen der Bewahrung und Pflege der Natur erste Priorität schenken, denn sie hat uns die Seinsgrundlagen gegeben, die wir brauchen, um eben dies zu tun! Die Natur hat uns zu uns selber entlassen! Dieser Schritt ist zugleich ein Schritt in die Ver-antwortung!

Vielleicht liegt ein Schritt zum „christlichen“ Königtum in den Worten von Søren Kierkegaard, dem dänischen Philosophen und Denker:

 

„ So gross ist noch immer die Macht, die das Christentum über die Menschen ausübt, dass wenn jeder Mensch sich nur unter die ewige Verantwortung des Einzelseins stellt, er einfach ein Christ ist.“

 

Leider kann ich die Stelle nicht angeben, wo ich die Worte gefunden habe.

 

Die Natur ist das SEIN. Im Menschen könnte das SEIN zum BEWUSST-SEIN erwachen! Vielleicht ist die neue Geschichte eine Innengeschichte. Die äussere Entwicklung der Natur verlagert sich allmählich in die innere Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Es gilt, die Natur  intensiv zu erleben, zu erkennen und so zu fruchtbaren, der Natur und dem Leben dienenden Taten zu kommen.

 

Das Bewusstwerden fängst beim klarsten Element, das die Natur hervorgebracht hat, bei den Gedanken, an und senkt sich tiefer und tiefer, über die Gefühle, die Traumata, die Lebenskräfte hinein in die Physis des eigenen Körpers und so hinein in die Physis der Welt. Dieses Hineintauchen ist zugleich ein transformieren der bewusstwerdenden Elemente. Es beginnt eine Art Transsubstantiation.

 

Für mich macht dieser Weg des Menschen von der Kreatur zum Kreator sehr viel Sinn.

Hier ein Ausschnitt aus dem Gedicht „Eins und Alles“ von Goethe:

 

„…Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu dem, der alles schafft und schuf.
 
Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebend'ges Tun.

 

Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.
 
Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.“


Zu gleicher Zeit plastiziert und gezeichnet  Aus dem Tagebuch



Gespräch



Gedicht von Ruedi Wehren


Ich schlief

Ich schlief einen langen guten Schlaf

Der war so tief- so tief...

Ich trieb auf einem breiten Strom

In einem dunkelblauen Boot

Und hörte einen tiefen Ton

Den tiefen Ton der Nacht


Kunst?


Aus dem Tagebuch 1978

 

Du hast recht, die Kunst darf nicht mehr nur als weltabgewandte "Art pour Art" am Rande einer satten Gesellschaft als deren Kosmetik dahintändeln. Sie muss und kann aus ihrem Edelghetto heraustreten und als das Menschen verwandelnde Blut durch den sozialen Organismus strömen.

 

Dazu braucht sie aber Zentren, Herzen, in denen sie selbst gepflegt wird, in denen es Menschen gibt, die ihr Wertvollstes, nämlich ihr Leben, dazu verwenden zu ihr zu schauen und sie zu verwirklichen.

 

 

Die gemässe Beschäftigung mit jeder Kunst ist gerade das Übungsfeld für neue soziale Fähigkeiten. Sie ist es  nicht wenn wir durch unsere „Kunst“ Materie vergewaltigen und ihr nur unsere Subjektivität aufprägen, sondern wenn wir uns üben, mit der Materie ins Gespräch gekommen. Ihr ihr Wesen lassen und mit ihr zusammen ein Werk gestalten, erst dann kann die Kunst ein soziales Übungsfeld sein.


Jugendstreich


Hanni war  eine herrliche "Tante" im Tessin- Sie war ein Original und ich liebte sie. Sie wohnte am Hang zum See in einem "Hexenhäuschen" in  Ascona. Sie war die Grossmutter von Daniel Odier, der mit seinen Büchern zum Thema tantrische Philosophie berühmt wurde.

 

Das Bild sieht ihrem Häuschen ähnlich. Mit meiner Mutter war ich einige Male dort in den Ferien. Eindrücklich fand ich als Bub, die Ameisenstrasse quer über ihren Frühstückstisch. Ich erschrak, als ich sah, wie sie ein Messer voll Ameisen aufs Brot strich, mit der Bemerkung, dass Ameisensäure gut sei gegen Rheuma...

 

Der Touristenandrang bewirkte, dass ihr ein Hotel genau vor die Nase gebaut wurde. Die Aussicht über den Lago Maggiore war verbaut und das brach ihr das Herz. Für sie wurde es unmöglich, weiterhin dort zu wohnen und so stand das Häuschen leer...

 

Eine Gelegenheit für abenteuerlustige Jugendliche! Kaum hatte ich meinen ersten Döschwo erstanden, reisten wir zu zweit zusammen mit unseren Flausen ins Tessin.

 

Eines Abends an der Seepromenade machten wir einen kleinen Überfall auf zwei runde Tischchen und entwendeten die Tischtuchhalterringe. Wir wollten daraus eine Brille basteln für unser Gefährt. Beim Nachhausefahren merkten wir, dass wir verfolgt wurden... "keine Chance" schnatterte  unsere "Ente". Die Polizei hielt uns an und wir übernachteten in meiner Erinnerung auf dem Polizeiposten!



Mein erstes Video-spiel


In meiner Kindheit schwebte ein blaues Tram vor der Haslidrogerie zur Aareschlucht und wieder zurück zum Bahnhof. Es trug die Touristen, auch in einem festlich offenen Wagen mit Vorhängen, zum Sightseeing. 



Einer der Tramführer hiess Schild. Der arme Schild litt häufig unter Kopfweh.... da konnte ich helfen. Nicht ganz uneigennützig wartete ich bei der Tramhaltestelle mit Kopfwehtabletten, einer Schachtel Saridon für 1 Fr, einem Süssholzstengel oder einem Kaugummi. Wenn Schild Kopfweh hatte oder schlicht guter Laune war, durfte ich mit ihm im Führerkabäuschen mit meiner Hand am Steuerknüppel zur Aareschlucht und wieder zurück fahren. Preis: siehe oben.



 Ich war glücklicher als Gott, oder sagen wir: "wie Gott." Lateinisch: "vi deo". Man sieht, dies war m e i n Videospiel! 😂

 

Das bin ich (?)



Schade, dass das schöne Tram dem Auto weichen musste und als Hühnerstall endete😕